Jugend A beim ASK Vorwärts Potsdam  Wolgast August 1965

ASK Vorwärts Potsdam Jugend A 1965 Trainingslager in Wolgast 



Trainingslager in Wolgast August 1965

Filmische Erinnerungen von drei Teilnehmern an diese für uns Jugendliche
so bewegte Zeit und unsere sportlichen Aktivitäten.




Wir hatten schon einige Winter- wie Sommertrainigslager erlebt, und stiegen
deshalb voller Vorfreude am 14. August 1965 vor dem Luftschiffhafen in einen Bus,
um nach Wolgast zu fahren. Dort sollte unser diesjähriges Trainingslager stattfinden.
Neben den beiden Betreuern und gleichzeitig Trainern Helmut Fremde (1929-2018)
und Peter Gratz nahmen ca. 20 Jungen der Altersgruppen Jugend B und Jugend A
im Bus platz. Die Fahrt von Potsdam nach Wolgast führte ausschließlich über
Landstraßen. Der westliche Berliner Ring war noch nicht geschlossen, die Autobahn
Richtung Szeczin besaß noch keinen Abzweig nach Greifswald und die Fernverkehrs-
straße F96 begann wegen der Mauer erst in Birkenweder.

Wir verließen Potsdam Richtung Falkensee, um dann auf die F96 zu gelangen.
Für die 250 km werden wir bestimmt mehr als vier Stunden benötigt haben.
Sofern noch Erinnerungen an die Fahrt vorhanden sind, war sie nicht dröge,
sondern lustig. In Wolgast, in der Nähe des Bahnhofs, auf einem Gelände der
Volksmarine endete unsere Fahrt. Wir zogen in Räume ein, die normalerweise
als Mannschaftsunterkünfte dienten. Geschlafen wurde in Doppelstockbetten.
Die Verpflegung war identisch mit der der Berufssoldaten und Unteroffizieren,
d.h. sie war wesentlich besser, als die der gemeinen Soldaten. Ich erinnere
mich noch einiger gehässiger Bemerkungen, wenn wir 16/17 jährigen an der Schlange
vor der Essensausgabe für Soldaten vorbeiliefen und ohne anzustehen die besseren
Speisen an der der Berufssoldaten bekamen. Zumeist aber waren diese halbe Hähnchen,
die, deren überdrüssig, wir in der Unterkunft als Wurfgeschosse missbrauchten.
Auch Tomaten stellten sich als wirkungsvolle Waffen für Zimmerschlachten heraus.
Dabei kam es auch zu leichten Verwundungen. Trieben wir diesen, heute würde man
sagen Vandalismus-light, zu weit, griffen unsere sehr geduldigen Trainer auch
einmal durch. Sie besaßen höhere Offiziersränge. Helmut Fremde z.B. schmückten
die Epauletten eines Majors der NVA.

Unsere Mannschaft war zweigeteilt. In der einen Gruppe waren die Werfer und Kugelstoßer,
von Herrn Gratz trainiert, in der anderen die Springer und Läufer, die von Herrn Fremde
betreut wurden. Das Trainingslager diente für die Mehrzahl der Anwesenden zur Vorbereitung
auf die DDR Meisterschaft, die zwei Wochen nach dem Trainingslager in Dresden stattfand.
Unsere Trainingsstätte war das heutige Peene Stadion. Wie damals üblich handelte es sich
um einen Fußballplatz mit den Sprung- und Wurfanlagen, umrundet von einer 400 m Aschenbahn.
Zum Training, das zumeist vormittags stattfand, liefen wir von der Kaserne am Peenestrom
durch ein hügeliges Wäldchen, um letztlich, eine Treppe hinabsteigend, ins Stadion zu gelangen.
Neben dem Training wurde auch Volleyball gespielt. Fußball war wegen der erhöhten Verletzungsgefahr
von den Trainern nicht gern gesehen.

Die ganzen 12 Tage über herrschte herrliches Sommerwetter. Deshalb lag es
nahe in den nächstgelegenen Badeort zu fahren, um in der Ostsee zu baden.
Wir liefen über die Brücke zum Bahnhof Wolgaster Fähre um mit der schmalspurigen
Inselbahn nach Zinnowitz zu fahren. Am Strand stellte sich neben dem Gefühl der
jugendhaften Unbeschwertsein noch das Gefühl körperlicher Überlegenheit ein.
Aus vollen Übermut sprinteten wir am Strand entlang. Es hatte etwas rauschhaftes.
Ein Badegast, uns beobachtend, sagte 'wie eine Horde junger Pferde'.

Nachmittags war zumeist trainingsfrei. Diese freien Stunden nutzen wir zum Bummel
durch die Stadt. Zu diesem Zwecke zwängte man sich auch nochmal in seinen Jugend-
weiheanzug, der zumeist von den Eltern von der Größe her großzügig bemessen
ausgesucht wurde und nun nach ein zwei Jahren richtig passte. Diejenigen unter
uns, die einen Rest Heimweh nicht vollständig unterdrücken konnten, schlichen
zur Post und meldeten dort ein R-Gespräch nach Potsdam an. Einmal sahen wir
abends auf dem Marinegelände einen Film, und zwar 'Abenteuer in Rio' mit Belmondo
in der Hauptrolle. Die Masse Soldaten waren nicht außer Rand und Band, wenn
Jean-Paul waghalsig durch das halbfertige Brasilia turnte, sondern wenn eine
französische oder brasilianische Schönheit auf der Leinwand erschien. Wenn
dann diese Schönen noch am Strand der Copacabana sich im Bikini räkelten,
glaubte man einen Stummfilm zu sehen.

Wir haben diese Tage in Wolgast sehr genossen. Begleitet wurde das Trainingslager
auch von den Hits dieses Sommers 1965, wie 'Mister Tambourine Man' oder der Sirtaki
aus dem Film 'Alexis Sorbas'.

Das Trainingslager war ein Erfolg. Udo Przybyla im Kugelstoßen, Klaus Nitze im
Speerwerfen und Gert Römer im Weitsprung errangen den DDR-Meistertitel.

An der Stelle der Kaserne von damals leuchtet heute ein Marina dem Besucher
entgegen, statt der der Schnellbote, die uns damals imponierten, liegen nun
wahrscheinlich hoch versicherte Yachten an den Landungsteegen. Allein die
Sportstätte ist eine zeitliche Invariante.

Erinnerungen an diese Zeit sind Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugend.
Stärker als bei unseren Altersgenossen ist sie auch durch ein körperliches
Hochgefühl getragen. So gilt unser Dank stets den Trainern Peter Graz und Helmut Fremde.



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